Mit beiden Beinen in der – Christian Hockenjos über Bio, Verantwortung und den Wert echter Nachhaltigkeit
Interview

Christian Hockenjos
Wenn Christian Hockenjos frühmorgens um 5.15 Uhr in den Stall geht, um seine Kühe zu melken, beginnt für ihn ein Arbeitstag, der fest im Rhythmus der Natur verankert ist. Noch bevor die Sonne über den Waadtländer Hügeln aufgeht, duftet es nach frischem Heu, die Kühe wiederkäuen leise, und um sieben Uhr bringt Christian Hockenjos die Milch in die Dorfkäserei, dort wird sie in Bio-Gruyère verarbeitet. Diese Bodenständigkeit, dieses tägliche Erleben von Kreisläufen und Verantwortung, prägt nicht nur seinen Alltag als Landwirt, sondern auch seine Rolle im Verwaltungsrat der bio.inspecta AG – einer der führenden Schweizer Kontroll- und Zertifizierungsstellen im Bereich Bio und Nachhaltigkeit.
Vom Quereinsteiger zum Bio-Pionier
Der Weg in die Landwirtschaft war für Christian Hockenjos kein vorgezeichneter. «Ich war kein Bauernsohn», erzählt er mit einem Schmunzeln. «Aber ich wollte draussen sein, körperlich arbeiten, etwas Echtes schaffen.» Nach einigen Jahren an einer Steiner-Schule in Zürich absolvierte er in der Romandie eine landwirtschaftliche Ausbildung und erwarb den eidgenössischen Fähigkeitsausweis als Landwirt. Statt ins Büro zu gehen – wie es sich seine Eltern vielleicht erhofft hatten – zog es ihn in die Natur.
Mit dem Fähigkeitsausweis als Landwirt in der Tasche suchte Christian Hockenjos einen neuen Weg, denn der Traum eines eigenen Landwirtschaftsbetriebes hielt er für unmöglich.
Der Umgang mit Menschen war für ihn kein Problem. Also, wieso diese Kompetenz nicht Menschen zur Verfügung zu stellen die Probleme haben?
Dieser Gedanke brachte Christian Hockenjos auf die Soziale Laufbahn und er begann eine zweite Ausbildung im Berufsbegleitenden Seminar während drei Jahren als Fachpädagoge.
Zunächst arbeitete er währen acht Jahren in einem Heim mit Jugendlichen im Schulalter mit sozialen Problemen. Als sich dort die Möglichkeit ergab, einen kleinen Hof in Pacht zu übernehmen, zögerte er nicht lange. «1993 haben wir mit nichts angefangen – keine Maschinen, kein Vieh, nur der leere Stall. Aber ich wusste sofort: Ich mache Bio.» Zu einer Zeit, als biologische Landwirtschaft in vielen Kreisen noch belächelt wurde, entschied er sich bewusst für diesen Weg – aus Überzeugung.
Heute bewirtschaftet Christian Hockenjos rund 50 Hektaren Land, mit 35 Milchkühen und 2.800 Legehennen, produziert Milch für Bio-Greyerzer Käse und betreibt eine erfolgreiche Direktvermarktung. Seine Produkte – besonders die frischen Eier und die Milch – sind in der Region bekannt und beliebt. «Die Leute kommen zu uns, weil sie den Unterschied schmecken», sagt er stolz.
Zwischen Hof und Verwaltungsrat
Sein Engagement bei bio.inspecta entstand aus einer glücklichen Fügung: Als der damalige Verwaltungsrat zurücktrat, fragte ihn Frank Rumpe, damaliger Geschäftsführer der bio. inspecta, langjähriger Nachbar und früherer Hofbesitzer an. «Wir kannten uns gut, ich hatte seinen Hof übernommen. Und er meinte, es wäre wertvoll, jemanden im Verwaltungsrat zu haben, der die Landwirtschaft aus dem Alltag kennt.»
Diese Verbindung von Praxis und strategischer Perspektive prägt seine Arbeit bis heute. «Als aktiver Landwirt sehe ich, was Reglemente und Kontrollen konkret bedeuten. Ich weiss, wie sich eine Kontrolle auf einem Betrieb anfühlt, was Sanktionen auslösen können und wo Betriebe Unterstützung brauchen.» Seine Erfahrung erlaubt es ihm, die Sicht der Bauern in die Entscheidungsprozesse einzubringen und den Dialog zwischen Kontrolleuren, Zertifizierern und Produzenten auf Augenhöhe zu fördern. Vor dem Einstieg in den Verwaltungsrat der bio.inspecta war Christian Hockenjos während fünf Jahren unterwegs als Kontrolleur, eine Tätigkeit, die er sehr gerne ausübte.
«Bio ist nicht nur ein Label – es ist eine Haltung. Nachhaltigkeit beginnt im Kopf, aber sie zeigt sich in der täglichen Arbeit.» Christian Hockenjos
Bio, Nachhaltigkeit und Realität
Nachhaltigkeit ist für Christian Hockenjos kein Schlagwort, sondern eine Haltung. «Bio zu sein heisst nicht automatisch, nachhaltig zu sein. Man muss sich immer wieder fragen: Wie arbeite ich? Was kann ich verbessern? Wie kann ich meinen Betrieb noch naturfreundlicher gestalten?»
Er beobachtet, dass viele Betriebe durch die zusätzlichen Anforderungen an Nachhaltigkeit gefordert sind. «Zum Bio kommen heute noch weitere Themen: Energieeffizienz, Klimabilanz, soziale Aspekte. Für viele Landwirte ist das eine Herausforderung – und es braucht Zeit, bis man versteht, wie diese Themen zusammenhängen.»
Sein Ziel ist es, dass Bio und Nachhaltigkeit nicht nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig stärken. «Wir sollten den Nachhaltigkeitsgedanken in das Bio-Prinzip integrieren. Bio-Landwirte sollten überzeugt sein, dass Nachhaltigkeit Teil ihres Selbstverständnisses ist.»
Landwirtschaft im Wandel
Wenn Christian Hockenjos über die Entwicklung der letzten Jahrzehnte spricht, wird deutlich, wie sehr sich die Landwirtschaft verändert hat. «Als ich angefangen habe, galt der Biobauer als Fundi. Heute reden wir über Hightech, Digitalisierung, Drohnen und Kameras in der Feldbewirtschaftung. Die Landwirtschaft ist moderner geworden – und das ist gut so.»
Doch der Strukturwandel bleibt eine Herausforderung. Kleine Betriebe haben es zunehmend schwer, ausser sie finden Nischen oder spezialisieren sich. «Ganz kleine Höfe, die auf Handarbeit setzen, können funktionieren – aber die meisten müssen wachsen oder sich verändern, um bestehen zu können.» Doch eines klar für ihn: Viel Land ist keine Garantie und Bio auch nicht.
Zwischen Praxisnähe und Strategie
Als Verwaltungsrat schätzt Christian Hockenjos die Möglichkeit, mitzugestalten und den Blick für die Realität zu wahren. «Es ist wichtig, die Bauernperspektive einzubringen – zum Beispiel, wenn es um Reglemente oder neue Kontrollprozesse geht. Wir dürfen nicht vergessen, dass hinter jedem Formular ein Mensch steht, der seine Arbeit mit Leidenschaft macht.»
Die Entwicklung von bio.inspecta – von der Gründung 1998 bis zur führenden Kontrollstelle mit internationalen Tätigkeiten – sieht er als beeindruckend. «Diese Dynamik war herausfordernd, aber notwendig. Nur so kann man im internationalen Wettbewerb bestehen.» Besonders wichtig ist ihm die regionale Verankerung, etwa durch die neuen Standorte in der Romandie und im Tessin. «Wir wollen in der ganzen Schweiz kontrollieren, also müssen wir auch in allen Landessprachen präsent und erreichbar sein. Das stärkt die Nähe zu den Betrieben und den regionalen Behörden.»
Ein Mann der Praxis – und der leisen Überzeugung
Wer Christian Hockenjos begegnet, spürt sofort: Er lebt, was er sagt. Zwischen Stall, Verwaltungsratssitzung und Direktvermarktung bleibt ihm wenig Freizeit – und doch spricht aus seinen Worten keine Müdigkeit, sondern Überzeugung.
«Ich wollte nie einfach nur Bauer sein», sagt er. «Ich wollte zeigen, dass man mit Überzeugung, Ausdauer und Offenheit für Neues einen Betrieb gestalten kann, der wirtschaftlich funktioniert und der Natur guttut.»
Mit dieser Haltung prägt er nicht nur seinen Hof, sondern auch die Arbeit von bio.inspecta – als Stimme der Praxis im strategischen Denken und als Brückenbauer zwischen Bauern und Büro.
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Zur Person
- verheiratet, drei erwachsene Kinder (Übernahme des Betriebes durch den ältesten Sohn 1.1.2026)
- Landwirt und Mitglied des Verwaltungsrats der bio.inspecta AG
- Gründungsmitglied von BioVaud und ehemaliger Präsident von BioVaud
- Standort: Kanton Waadt
- Betrieb: 50 Hektaren, Bio-Milch, Legehennen und Ackerbau
- Besonderheit: Pionier der Bio-Greyerzer-Produktion, engagiert für nachhaltige und praxisnahe Landwirtschaft